DEECRACKS

Foto© by Tom Schaefer

Work-Life-Band-Balance

Die DEECRACKS feiern ihr zwanzigjähriges Bestehen und beschenken dazu ihre treuen Fans und sich selbst im November mit dem Album „A Frantic Effort“ sowie einem großartigen Festival. Im Oktober trafen wir uns mit dem sympathischen Dreier, mit den DEECRACKS-Urgesteinen Matt (gt, voc) und Mike (dr) sowie dem Bassisten Yeahman, der das Trio aus Wien seit gut zwei Jahren vervollständigt. Wir blicken gemeinsam zurück auf zwanzig Jahre Bandgeschichte und sprechen über die Work-Life-Band-Balance im zunehmenden Alter.

Zwanzig Jahre DEECRACKS, Glückwunsch. Hättet ihr gedacht, dass ihr so lange durchhaltet?

Mike: Irgendwie ja, irgendwie auch nicht. Wir wollten es schon so lange machen, so lange es geht, lustig ist und Sinn und Spaß macht. Und komischerweise ist es noch immer so. Anfangs konnten wir nur hoffen, dass wir möglichst lange unserer Teenager-Seele treu bleiben.
Matt: Es gibt sicher nicht viele Bands, die sich eine bestimmte Halbwertszeit vornehmen. Für uns war es immer wichtig, aus Österreich rauszukommen. Von Anfang an war Österreich für uns immer ein „Dead Meat“-Ding. Da war früh die Idee, in anderen Ländern zu spielen. Und irgendwann war es dann egal, wie weit der Weg ist. Da war plötzlich alles irgendwie greifbar. Die Jahre sind vergangen und jetzt sind zwanzig Jahre vorbei, ohne dass wir das irgendwie selbst gecheckt haben. Da war kein Plan dahinter, keine Zukunftsvision.

Vor zwanzig Jahren seid ihr als Teenager gestartet. Gibt es heute schon körperliche Abnutzungs- oder Ausfallerscheinungen?
Mike: Leider ja. Ich hatte schon einen Bandscheibenvorfall auf der Bühne, bei einer Show in Köln im Jahr 2015. Da wurden mir erstmalig meine körperlichen Grenzen aufgezeigt. Mögen die zwanzig Jahre auch schnell vorübergegangen sein, gesundheitlich haben wir es schon gemerkt. Es gibt schon gewisse Sachen, die müssen nicht mehr unbedingt sein, etwa auf Tour jede Nacht auf dem Boden schlafen oder auf der Bühne, auf der man vorher noch gespielt hat. Da schauen wir heute schon mehr drauf, früher haben wir einfach alles mitgemacht.
Matt: Die Einstellung hat sich über die Jahre aber nicht geändert. Wir kommen immer noch, wenn uns jemand haben will und wir der Meinung sind, dass das passt. Und dann pennen wir auch auf dem Boden, wenn es nicht anders geht. Der DIY-Gedanke ist nach wie vor wichtig.
Mike: Und ich werde auch heute noch mit einem Lächeln im Gesicht aufwachen, wenn ich mal wieder auf dem Boden gepennt habe.

Gab es in den letzten zwanzig Jahren auch mal Überlegungen, mit der Band aufzuhören?
Matt: Jeden Tag. Oder zumindest dann, wenn man am Tag zehn Stunden unterwegs ist. Natürlich gibt es immer mal wieder solche Momente, in denen man denkt, das macht alles überhaupt keinen Sinn. Wenn es schlechte Shows gibt, wenn man sich untereinander mal nicht versteht. Das Wichtigste ist, dass man auch als Individuum in einer Band einen Freiraum braucht.
Mike: Es ist immer mal wieder Zeit, einen Schritt zurück zu machen. Wir hatten schon einige Jahre, in denen wir sehr viel getourt sind, sehr viel Zeit in diese Band investiert haben. Und klar, irgendwann hängen wir dann auch mal durch, auf Tour oder im Studio, mit der ganzen Work-Life-Band-Balance. Aber das Gute ist, man kann das auch ein bisschen abbremsen. Dann haben wir uns auch immer mal eine Auszeit gegönnt. Mittlerweile, vor allem mit dem Einfluss der Pandemie, haben wir einen etwas gemütlicheren Ansatz an die Band. So dass wir nicht mehr hundert Shows pro Jahr spielen, sondern nur noch dreißig bis vierzig.
Matt: Wir waren in diesem Jahr zum zweiten Mal beim Rebellion Festival und da waren wir mit weitem Abstand die Jüngsten. Da gibt es einige Alte, die einfach nicht aufhören können. Charlie Harper hat sich wahrscheinlich schon einige Male gedacht, es reicht jetzt mit UK SUBS.
Mike: Und es dann gleich wieder vergessen, haha.
Matt: Ich kann schon irgendwie nachvollziehen, warum die ROLLING STONES auch mit achtzig immer noch ein neues Album aufnehmen und wieder auf Tour gehen.

Eure Fans müssen also nicht befürchten, dass in Kürze Schluss ist.
Matt: So lange es nicht peinlich wird, ist es okay. Ich versuche ja schon, die Texte an mein Alter anzupassen. Es widerstrebt mir, wie Joe Queer mit vierzig noch Texte wie „I don’t want to do my homework“ zu schreiben.

Ist es beim Rückblick auf die Bandgeschichte möglich festzuhalten, welches der beste und welches der bitterste Moment war?
Mike: Die schönen Erinnerungen überwiegen, aber die bitteren Momente haben sich schon stärker eingebrannt. Ganz vorne natürlich unser Rauswurf aus den USA. Oder als unser Bus in Italien aufgebrochen und unser gesamtes Equipment gestohlen wurde.
Matt: Irgendwie hat aber auch jede negative Erfahrung und jeder Schlag ins Gesicht auch etwas Gutes mit sich gebracht. Als wir 2013 aus den USA rausgeworfen wurden, haben wir uns gesagt, okay, USA funktioniert dann halt nicht mehr, aber dann fokussieren wir uns auf den Rest der Welt. Kids, die Punkrock hören, gibt es nicht nur in den Staaten.

Ihr seid weltweit getourt, ihr seid auch in Russland und in Israel unterwegs gewesen. Länder, in denen aktuell kriegerische Auseinandersetzungen laufen. Ist die aktuelle politische Situation in der Welt nicht zum Verzweifeln, gerade für eine Band wie euch, die so weltoffen ist?
Matt: Das macht einen wirklich total traurig und auch wütend. Man trifft weltweit Menschen, die genauso drauf sind wie man selbst, die einfach nur ihr Leben leben wollen, aber keine Chance dazu haben, weil sie immer wieder unterdrückt werden. Als Band sind wir in unseren Songs eher unpolitisch, aber wir haben schon unsere politische Meinung und über die letzten Jahre hat sich herauskristallisiert, dass wir bei unseren Shows immer öfter politische Ansagen machen, weil wir es einfach als notwendig erachten, das Maul aufzumachen. Früher war es immer unser Gedanke, eine Entertainment-Band zu sein, den Leuten auch in China oder Russland einfach für vierzig Minuten eine Pause von ihrem Alltag zu geben. Dass die einfach sagen, wir hören uns jetzt die Songs an und haben Spaß, da gibt es keine Politik.
Mike: Eins war aber schon immer klar: Nazis bleiben draußen.

Ihr habt eure Fans und auch euch zum Jubiläum mit einer hochwertigen Veröffentlichung beschenkt. Ihr habt eure besten Songs alle neu eingespielt. Warum seid ihr nicht den einfachen Weg gegangen und habt ein „normales“ Best-Of-Album mit den Originalversionen herausgebracht?
Matt: Die Idee war: Da ist die Band, die seit zwanzig Jahren existiert und Songs schreibt und jetzt das erste Album rausbringt. Es ist eine Zusammenstellung von unseren Lieblingssongs und von Stücken, von denen wir glauben, dass sie unseren Fans am besten gefallen. Und es sollte ein homogenes Album sein, wie aus einem Guss.
Mike: Und wir wollten die Songs gezielt an unser Live-Set heranführen und die Dynamik unserer Konzerte mit transportieren.

Ihr seid bekannt als grandiose Live-Band. Entsprechend feiert ihr euer Jubiläum auch mit einer passenden Show.
Mike: Wir feiern zweitägig am 17. und 18. November in der Arena Wien, unserer Lieblingslocation. Mit Bands, die wir aus der ganzen Welt einladen, wie die KINGONS aus Japan, Nikki Corvette aus Detroit und die YUM YUMS aus Norwegen. Dazu kommen einige österreichische Freunde wie MUGWUMPS oder 7 YEARS BAD LUCK.

Das klingt nach einer Riesenparty mit Freunden.
Mike: Das ist uns auch unfassbar wichtig. Das sind alles Bands, die nah an unseren Herzen sind. Es geht bei dem Fest auch darum, diesen Bands etwas zurückzugeben. Sie kommen teilweise zum allerersten Mal nach Wien. Das sind Bands, die uns in ihren Ländern Bühnen geboten haben. Man hilft sich schon jahrelang gegenseitig aus. Wir selbst spielen gratis und geben alle Einnahmen an die anderen Bands weiter, so dass hoffentlich keine auf irgendwelchen Kosten sitzenbleibt.

Zwanzig Jahre ... Habt ihr vielleicht auch die eine oder andere Leiche im Keller? Gibt es heute im Rückblick etwas, wofür ihr moralisch angreifbar seid? Etwas, das besser nicht an die Öffentlichkeit kommen sollte?
Mike: Netter Versuch, haha.

Yeahman: Mit Bezug auf die momentane Besetzung müssen wir uns wohl nichts vorwerfen lassen.
Matt: Was uns wichtig ist. Wir haben in all den Jahren nie etwas gemacht gegen den Willen von jemand anderem.
Mike: Außer unsere Musik, haha. Wir sind irgendwie schon eine sehr brave Band.